für PDF-Download bitte anmelden

Neue Euro-Schwäche voraus?

Der Euro im Konjunkturwirbel

 

Man sollte Deutschlands Bedeutung für die Europäische Union zwar nicht überschätzen. Unterschätzen aber auch nicht, vor allem dann nicht, wenn es um das ,,Downside Risk‘‘ wirtschaftlicher Entwicklung geht.

Denn wenn die Wertschöpfungsketten der Produkte, an deren Ende Deutschland steht, nicht mehr oder nicht mehr in bisherigen Umfang abgesetzt werden können, sind auch in den vorgelagerten Produktionsstandorten Arbeitsplätze, die zugehörigen Investitionen und der zugehörige Konsum ,,At Risk‘‘.

Aus dieser Perspektive sind die neuesten Zahlen zur Industrieproduktion Deutschlands nicht gerade ermutigend. Denn die nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die Produktion im Produzierenden Gewerbe im Dezember 2019 im Vergleich zum Vormonat um 3,5 % gesunken. Dabei ging der Ausstoß in der Industrie um 2,9 % und im Baugewerbe infolge einer deutlichen Produktionseinschränkung im Ausbaugewerbe um 8,7 % zurück. Innerhalb der Industrie verringerte sich die Produktion von Konsumgütern um 2,0 % und die von Vorleistungs- und Investitionsgütern um 2,6 % bzw. 3,5 %.

Zwar dürfte aufgrund einer hohen Anzahl an Brückentagen im Dezember der Rückgang der Industrieproduktion überzeichnet sein. Und die verbesserte Stimmung in den Unternehmen spricht dafür, dass sich die Industriekonjunktur in den kommenden Monaten etwas aufhellen wird. Aber in den neuesten Zahlen sind die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie noch nicht enthalten, zumal diese in Europa und den USA noch gar nicht richtig angekommen ist.

Am Tag zuvor waren bereits die Zahlen zum Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe veröffentlicht worden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind danach die Auftragseingänge im Dezember gegenüber dem Vormonat um 2,1 % zurückgegangen. Die Aufträge aus dem Inland und aus dem Nicht-Euroraum nahmen um 1,4 % bzw. 2,1 % zu. Aus dem Euroraum gingen hingegen 13,9 % weniger Aufträge ein. Ohne Großaufträge sind die Bestellungen insgesamt um 1,3 % gesunken. Hier spielen zwar insbesondere die monatlichen Schwankungen von Großaufträgen eine Rolle, auf die alleine rund ein Drittel des Auftragsrückgangs im Verarbeitenden Gewerbe im Dezember zurückzuführen ist.

Das kann jedoch auch nicht den Blick darauf verstellen, dass die Wachstumsdynamik fast vollständig zum Erliegen gekommen ist. Ein Rückgang des Auftragseingangs aus dem Euroraum um 13,9 % ist einfach zu groß, um ihn mit saisonalen Schwankungen zu erklären. Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung im Zuge der Parlamentswahl in Großbritannien könnte einen deutlichen Einfluss auf das Bestellverhalten gehabt haben.

Der Bestelleingang als vorlaufender Indikator der Industrieproduktion und damit eines bedeutenden Teils des BIP lässt aber auch das Risiko steigen, dass das deutsche BIP i 1. Quartal 2020 nahe Null oder sogar in die Kontraktionszone darunter gerät.

 

Wanted: Weißer Konjunktur-Ritter

 

Wer die Konjunktur nun beleben soll, ist aber schon ausgemacht: Der Staat soll es richten und der Weißen Ritter der Konjunkturrettung sein.

Der Euro dürfte dabei ganz direkt im Zentrum der Aufmerksamkeit bzw. der Befürchtungen stehen. Denn die Fähigkeit und Bereitschaft Deutschlands, durch seine Transferzahlungen den Verteilungsmechanismus der EU am Laufen zu halten, hängt zumindest innenpolitisch nicht unwesentlich davon ab, ob die Konjunktur läuft. Denn bevor man umverteilen kann, muss man erst einmal etwas zum Verteilen haben.

Die andauernde Wachstumsschwäche könnte auch eine erste Erinnerung an ein verschollen geglaubtes Phänomen sein – den Konjunkturzyklus.

Gegenüber dem US-Dollar neigt der Euro ja bereits seit längerer Zeit zur Schwäche. Dass der schwächere Euro die Konjunktur im Euroraum kaum stimuliert, ist dabei nicht nur ein Detail aus einem VWL-Lehrbuch. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit außerhalb des Euroraumes lässt sich für heterogene Mitgliedsstaaten in Bezug auf den optimalen Wechselkurs und Zinssatz eben auch nicht theoretisch wirklich optimieren. Für einige Mitglieder ist der Zins zu hoch und damit auch der Euro zu teuer, für andere wie Deutschland lag er bis jetzt viel zu tief. Die anhaltenden Mahnungen von Bundesbank-Präsident Weidmann zur Normalisierung der Geldpolitik der EZB fügen sich in dieses Bild.

 

Euro in Dollar mittelfristig

 

Einstweilen neigt der Euro weiter zur Schwäche und ist ebenfalls wieder auf dem Niveau vom Herbst 2019 angekommen. Ein Unterschreiten dieser Unterstützungszone um 1,09 Dollar dürfte einen Rückgang bis in die darunter liegende Unterstützungszone bei 1,05 Dollar zur Folge haben.

Dann aber wird es langsam für den Euro brenzlig. Denn der Bruch der im zweiten Chart eingezeichnete rote Horizontalen würde die charttechnische Falltür in Richtung 0,95 US-Dollar je Euro öffnen.

 

Euro in Dollar langfristig

 

Dass dieses Szenario nicht aus einem potenziellen Dollarschwäche herrührt, zeigt auch der Blick auf die Entwicklung des Euro gegen den Schweizer Franken. Sollte der Euro die Marke von 1,0625 gegen den Franken unterschreiten, blüht ihm ein ähnliches Szenario mit einem Kursziel von 1,028 Franken je Euro.

 

Euro in Franken langfristig

 

Fazit

 

Der Euro steht konjunkturell auf wackeligen Beinen. Die bisherige Schwäche seines Außenwertes hat die preisliche Wettbewerbsfähigkeit vor allem deutscher Exportwaren erhöht. Die konjunkturellen Kollateralschäden der aktuellen Wachstumsschwäche in den anderen EU-Staaten dürften den Druck auf die EZB erhöhen, weiter und ggf. stärker expansive Geldpolitik zu betreiben, um den Euro zu retten. Ob dies gelingt, ist völlig offen, zumal die Überarbeitung der geldpolitischen Strategie der EZB erst zum Jahresende 2020 abgeschlossen sein soll. Die Kapitalmärkte gewichten die Entwicklungsszenarien einstweilen nach eigenen Regeln und werten den Euro ab. Sich dagegen zu stellen könnte ggf. noch teurer werden als eine Spekulation gegen die Notenbank.

 

 07.02.2020 - Arndt Kümpel - ak@berneckerresearch.de

 






Ihre Bewertung, Kommentar oder Frage an den Redakteur


Bitte geben Sie die Anzahl der unten gezeigten Eurozeichen in das Feld ein.
>

 



Bewertungen, Kommentare und Fragen an den Redakteur

 

 

 

0 Leser haben diesen Artikel von www.berneckerresearch.de auf einer Skala von 1 bis 5 mit durchschnittlich 0 Punkten bewertet.